Politisches Interesse, aber keine Zeit: Warum die Schweizer Jugendlichen nicht abstimmen
Das Interesse von Jugendlichen an weltpolitischen Themen hat in der Schweiz mit 54 Prozent die höchste Zahl seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2014 erreicht. Trotz dieser beeindruckenden Zahl bleibt die Beteiligungsbereitschaft in politischen Prozessen überraschend gering. Diese Erkenntnis stammt aus dem Schweizer Jugend- und Demokratiemonitor 2025, einer umfassenden Studie, die im Auftrag des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente (DSJ) durchgeführt wurde.
Fast 2000 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren wurden zu ihrem politischen Interesse, Vertrauen in Institutionen und ihrer Bereitschaft zur Mitbestimmung befragt. Die Studie zeigt, dass Themen wie Kriminalität, psychische Gesundheit und Diskriminierung besonders hohe Aufmerksamkeit erhalten. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass digitale Medien wie Instagram und TikTok eine zunehmend wichtige Rolle bei der politischen Informationsbeschaffung spielen, während klassische Medien weiterhin das höchste Vertrauen geniessen.
Trotz dieser positiven Entwicklung in Bezug auf das politische Interesse und die Demokratieüberzeugung der Jugendlichen zeigt sich eine klare Diskrepanz, wenn es um deren aktive politische Beteiligung geht. Komplexität, Zeitmangel und das Gefühl von Unzulänglichkeit bremsen viele junge Menschen daran, sich stärker zu engagieren. Hier die wichtigsten Erkenntnisse der Studie:
Wofür sich Jugendliche interessieren
Das Interesse der Jugendlichen an Politik hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Besonders das Interesse an weltweiten politischen Themen ist mit 54 Prozent auf einem Höchststand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2014. Auch das Interesse an der Schweizer Politik hat zugenommen und liegt nun bei 55 Prozent. Die Themen, die die Jugendlichen am meisten ansprechen, sind vor allem solche, die als unmittelbar relevant und emotional aufgeladen wahrgenommen werden.
Das grösste Interesse wecken in der Schweiz für die Jugendlichen Themen wie Kriminalität (41 Prozent), psychische Gesundheit (35 Prozent) und Diskriminierung (35 Prozent). Auch der Gaza-Krieg und die Migrationspolitik (je 32 Prozent) sind von hoher Relevanz.
Auffällig sind geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen interessieren sich stärker für soziale und psychosoziale Themen wie psychische Gesundheit und Diskriminierung, während Männer mehr Interesse an sicherheits- und technologiepolitischen Themen zeigen.
Wie sich Jugendliche informieren
Die Art und Weise, wie sich Jugendliche über politische Themen informieren, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Die digitalen Kanäle sind die dominierenden Informationsquellen. Während soziale Medien wie Instagram (44 Prozent) und TikTok (38 Prozent) oder News-Apps (24 Prozent) für viele Jugendliche die wichtigsten Informationsquellen sind, nimmt auch der Schulunterricht (39 Prozent) weiterhin eine zentrale Rolle ein.
Neben den digitalen Quellen spielen auch klassische Quellen wie die Familie (50 Prozent) und der Freundeskreis (32 Prozent) eine bedeutende Rolle. Dafür nutzen Jugendliche immer weniger traditionelle Medien wie gedruckte Zeitungen (14 Prozent) oder TV/Radio (28 Prozent) als Informationsquellen.
Wem Jugendliche vertrauen
Das Vertrauen der Jugendlichen in politische Institutionen und Akteure variiert stark. Besonders hohes Vertrauen geniessen wissenschaftliche Institutionen und der Bundesrat, wobei das Vertrauen in Forschende und die Wissenschaft (68 Prozent) sowie in den Bundesrat (66 Prozent) konstant hoch bleibt. Auch die Regierung des eigenen Kantons wird mit 61 Prozent positiv bewertet.
Andererseits zeigt sich ein gewisses Misstrauen gegenüber politischen Parteien (44 Prozent), Online-Medien (43 Prozent) und Politikern (37 Prozent), die unter den Jugendlichen als weniger vertrauenswürdig gelten. Trotz der hohen Nutzung sind die sozialen Medien mit 25 Prozent das am wenigsten vertrauenswürdige Informationsmedium bei den Jugendlichen.
Warum sich Jugendliche nicht politisch engagieren
Obwohl das Interesse an politischen Themen in den letzten Jahren gestiegen ist, bleibt das politische Engagement vieler Jugendlicher gering. Nur rund 30 Prozent können sich beispielsweise vorstellen, an der nächsten Abstimmung teilzunehmen. Noch tiefer ist mit 15 Prozent die Motivation, an der nächsten Wahl die eigene Stimme abzugeben.
Ein wesentlicher Grund dafür ist das Gefühl, dass politisches Engagement entweder nicht von Interesse ist oder nicht genug persönliche Relevanz hat. 34 Prozent der Jugendlichen geben an, dass sie einfach kein Interesse an politischem Engagement haben. Ein weiterer grosser Faktor ist der Zeitmangel, der bei ebenfalls 34 Prozent der Befragten als Hindernis genannt wird.
Das Gefühl, nicht genug Wissen über politische Themen zu haben, hemmt viele Jugendliche ebenfalls. 28 Prozent verstehen nicht genug von den Themen, für die sie sich engagieren könnten. Zudem ist der Gedanke, dass politisches Engagement nichts bringt, mit 21 Prozent eine weit verbreitete Haltung. Weitere Barrieren sind das Gefühl, dass die eigene Meinung wenig zählt, oder das Vertrauen, dass die eigene Stimme in politischen Prozessen keinen Einfluss hat. Auch das Gefühl, zu jung für politisches Engagement zu sein, wurde von vielen genannt.
